Klimakrise exportiert? Gas, Neo-Kolonialismus und der Kampf um Klimagerechtigkeit im Senegal
Wie können solidarische Allianzen zwischen Bewegungen im Globalen Süden und Norden entstehen, um fossile Abhängigkeiten zu überwinden und eine gerechte Energiezukunft durchzusetzen?
Vor der Küste von Saint-Louis im Norden Senegals wird seit Kurzem Erdgas gefördert – ein milliardenschweres fossiles Großprojekt, an dem internationale Konzerne wie BP maßgeblich beteiligt sind. Die senegalesische Regierung verbindet damit Hoffnungen auf wirtschaftliches Wachstum und staatliche Einnahmen. Gleichzeitig wächst in den betroffenen Küstengemeinden die Sorge über soziale, ökologische und klimapolitische Folgen. Die zentrale Frage lautet: Wer profitiert von der Förderung fossiler Ressourcen – und wer trägt die Risiken und Kosten?
Die Gasförderung steht dabei in einer langen Geschichte extraktiver Wirtschaftsmodelle, die bis in die koloniale Vergangenheit Westafrikas zurückreichen. Rohstoffe werden überwiegend für externe Märkte erschlossen, während ökologische Zerstörung, soziale Verwerfungen und wirtschaftliche Abhängigkeiten vor Ort verbleiben. Viele Kritiker:innen sprechen daher von neo-kolonialen Kontinuitäten in der internationalen Energiepolitik: Globale Konzerne und Staaten des Globalen Nordens sichern sich Zugang zu Ressourcen, während demokratische Mitbestimmung, Umwelt- und Sozialstandards für die lokale Bevölkerung eine nachgeordnete Rolle spielen.
Besonders deutlich zeigt sich dies in der Küstenregion um Saint-Louis. Der Fischfang ist für viele Menschen existenziell, doch sensible Meeresökosysteme geraten durch industrielle Gasförderung unter Druck. Sperrzonen und Umweltbelastungen gefährden Lebensgrundlagen, während die versprochenen Entwicklungsgewinne ungleich verteilt bleiben. Die Frage nach sozialer Gerechtigkeit ist hier untrennbar mit Fragen von Macht, Eigentum und politischer Kontrolle über natürliche Ressourcen verbunden.
Zugleich ist die Gasförderung Teil einer globalen energiepolitischen Neuordnung. Europa und Deutschland diskutieren Gasimporte aus Westafrika als Baustein ihrer Energieversorgung – auch im Kontext geopolitischer Krisen. Damit verschärft sich ein grundlegender Widerspruch: Während im Globalen Norden der Ausstieg aus fossilen Energien propagiert wird, werden im Globalen Süden neue Förderprojekte vorangetrieben. Klimapolitische Lasten werden ausgelagert, während Profite und Energiesicherheit im Norden konzentriert bleiben.
Dabei verfügt Senegal über ein enormes Potenzial für erneuerbare Energien, insbesondere Solar- und Windkraft. Viele Stimmen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik betonen, dass eine sozial gerechte Energiewende auf erneuerbarer Basis langfristig mehr Stabilität, Teilhabe und Klimaschutz ermöglichen würde. Eine solche Wende stellt jedoch bestehende Machtverhältnisse und wirtschaftliche Interessen infrage – sowohl national als auch international.
Die Veranstaltung versteht die Gasförderung vor Saint-Louis daher als Teil eines globalen Konflikts um Klimagerechtigkeit. Gemeinsam mit den eingeladenen Expert:innen wollen wir diskutieren, wie Kämpfe gegen Klimaungerechtigkeit in Senegal, in Deutschland und international miteinander verbunden sind. Welche gemeinsamen Interessen, Verantwortlichkeiten und Handlungsmöglichkeiten gibt es? Wie können solidarische Allianzen zwischen Bewegungen im Globalen Süden und Norden entstehen, um fossile Abhängigkeiten zu überwinden und eine gerechte Energiezukunft durchzusetzen?
Wir freuen uns diese und weitere Fragen mit unseren Gästen zu diskutieren:
-Dr. Ibrahima Thiam arbeitet zum Thema Klimawandel und natürliche Ressourcen im Westafrika-Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Dakar, Senegal.
-Neelke Wagner ist Referentin für Klima- und Ressourcengerechtigkeit bei PowerShift. Arbeitsschwerpunkte: Energiewende, Gasausstieg, klimagerechte Wasserstoffwirtschaft.
-Dr. Claus-Dieter König ehemaliger Leiter des Regionalbüros Westafrika (bis 2025), Rosa-Luxemburg-Stiftung in Dakar, Senegal.
Die Veranstaltung bietet Raum für kritische Diskussion, Austausch und Vernetzung.
Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.